Die Mutter aller Börsencrashs
80 Jahre „Schwarzer Donnerstag“
Die exzessive Hausse Ende der Zwanziger des vergangenen Jahrhunderts, in der sich der noch junge Dow Jones innerhalb von sechs Jahren mehr als verdreifachte, hatte anfangs durchaus einen fundamentalen Hintergrund. Denn durch den technischen Fortschritt mit Erfindungen wie Auto, Radio und Kühlschrank boomte die Wirtschaft und es entstanden völlig neue Industrien.
Aktienblase durch „Milchmädchenhausse“
Doch der große Kursaufschwung lockte erstmals auch die breite Bevölkerung an die Wallstreet – und viele unbedarfte Kleinanleger kauften sogar auf Kredit, weil die Banken leichtfertig Geld dafür verliehen. Auf dem Hochpunkt wurde der Börsenboom dann zu dem, was später als „Milchmädchenhausse“ in die Börsenliteratur eingehen sollte. Und der
Legende nach verkaufte der Milliardär Rockefeller kurz vor dem Crash alle seine Papiere, nachdem ein Schuhputzer ihm Aktientipps gegeben hatte.
Dow-Absturz von 381 auf 41 Punkte
Als der kleine Mann all seine Ersparnisse zur Wallstreet trug, hatten die Aktienbewertungen bereits absurde Höhen erreicht. Zwar hatte sich die Produktivität der Industrie durch den technischen Fortschritt deutlich erhöht, aber die Kehrseite war das Entstehen riesiger Überkapazitäten. Und die begannen jetzt, auf die Ertragslage der Unternehmen zu drücken. Mit Hilfe der Milchmädchen und Schuhputzer erreichte der Dow im September 1929 noch einmal einen Rekordstand von 381 Punkten. Doch der Angriff auf die 400er-Marke blieb aus – stattdessen wurden die täglichen Kursschwankungen immer größer. Das machte die Anleger allmählich unruhig und Anfang Oktober kam erstmals größerer Verkaufsdruck auf. Stützungskäufe der Banken und Investmentfirmen beruhigten den Markt wieder, doch am 24. Oktober stürzten die Kurse ohne konkreten Auslöser plötzlich steil nach unten. Die Banken begannen erneut mit Stützungskäufen und schafften es, dass der Dow bei 299 Punkten nur mit einem Tagesverlust von 2% schloss. Dennoch gilt dieser Donnerstag, der wegen der Zeitverschiebung in Europa zum „Schwarzen Freitag“ wurde, als der Beginn des großen Crashs. Der ungehemmte Kurssturz fand erst in der folgenden Woche statt, als den Banken die Liquidität für Stützungskäufe ausging und sie anfingen, die kreditfinanzierten Kundendepots zwangszuliquidieren. Daraufhin stürzte der Dow bis Mitte November auf nur noch 195 Zähler ab – ein Verlust von 45% in zwei Monaten. Es folgte ein Wechselbad aus Bärenmarktrallyes und neuen Crashwellen, bis der Dow im Sommer 1932 bei 41 Punkten seinen Boden erreichte. Da war das amerikanische Bruttoinlandsprodukt bereits um 18% geschrumpft, die Weltwirtschaft steckte in einer tiefen Depression und in Deutschland griffen die Nazis nach der Macht.
Notenbank versuchte, Spekulationsblase einzudämmen
Dass ein Börsencrash so weitreichende Folgen haben konnte, wird heute auf eine ganze Reihe von Fehlentscheidungen zurückgeführt, die Politiker und Notenbanker damals trafen. Der erste große Fehler wird der US-Notenbank FED angelastet, die im Dezember 1928 die langfristigen Zinsen erhöhte, um die Spekulationsblase einzudämmen. Das trieb die Banken und die Börsenspekulanten verstärkt in kurz-fristige Kredite, was den unvermeidbaren Crash nur umso schlimmer machte. In der anschließenden Wirtschaftskrise war die Notenbank dann weitgehend hilflos, weil damals noch der Goldstandard herrschte, der die Schaffung von ausreichend Liquidität verhinderte. 80 Jahre später war die FED in einer ganz anderen Lage – und nutzte das beherzt aus: Sie senkte die Zinsen in der Krise auf ein Rekordtief von 0,25% und fand mit dem Ankauf fauler Kredite sogar völlig neue Wege, Liquidität zu schaffen. Zudem erfolgte die erste Zinssenkung bereits im Herbst 2007, als der Dow Jones noch auf einem Allzeithoch stand.
Keynes als Erfolgsrezept für Wirtschaftskrisen
Die mangelnde Liquiditätsversorgung führte vor 80 Jahren auch zu einem beispiellosen Bankensterben, dem die Regierungen tatenlos zusahen. Und dadurch schlug der Börsencrash mit ungehemmter Wucht auf die reale Wirtschaft durch. Auch diese Erfahrung half bei der Krisenbekämpfung 2008, denn spätestens nach der Lehman-Pleite waren sämtliche Regierungen bereit, „systemrelevante“ Banken kompromisslos zu stützen und notfalls zu verstaatlichen. In anderer Hinsicht haben die Regierungen ebenfalls gelernt: Nach 1929 reagierte man vor allem in Europa mit einschneidenden Sparmaßnahmen auf die Wirtschaftskrise, weil die Steuereinnahmen wegbrachen und die USA, die damals noch Gläubigerland waren, ihre Gelder abzogen. Doch auch in Amerika fand man erst die richtigen Rezepte, als das Schlimmste längst vorbei war: Erst der 1933 gewählte Präsident Roosevelt setzte mit seinem „New Deal“ massive staatliche Konjunkturprogramme in Gang. Und erst 1936 schrieb der Ökonom John Maynard Keynes seine „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“, mit der er dieser Politik einen Namen gab. Der „Keynesianismus“ galt in den Siebzigern schon als überholt – doch 2008 handelten die Regierungen rund um den Globus wieder danach und verhinderten mit ihren Konjunkturprogrammen eine Depression wie nach 1929.
Börsenaufsicht SEC: Erbe von 1929
Mit dem New Deal wurde auch das Börsenwesen reformiert. So wurde die Börsenaufsicht SEC gegründet, um Börsenexzesse wie Ende der Zwanziger künftig zu verhindern. Bei der Subprime-Blase gelang ihr das zwar nicht, allerdings wurden die verbrieften Ramschhypotheken auch nicht an der Börse, sondern direkt zwischen den Banken gehandelt. Das Versäumnis bei der Überwachung dieser Papiere liegt damit ausgerechnet bei der Behörde, die mitten in der Krise so beherzt reagiert hat: der FED, der auch die Bankenaufsicht untersteht. Die Reformierung der Bankenaufsicht ist daher auch das große Thema bei den Lehren, die man aus der Finanzkrise ziehen muss. Die SEC wurde zudem auch bereits umfangreich reformiert, nämlich nach der New-Economy-Blase im Jahr 2000. Unter anderem wurde damals der „Bilanzeid“ eingeführt, mit dem die Firmenchefs auf die Korrektheit ihrer Geschäftszahlen schwören mussten. Das wäre jetzt wohl auch eine Idee für die Bankenaufsicht: Denn die Banken hätten sicher nie so exzessiv in Schrottkredite investiert, wenn die Vorstände auf deren Werthaltigkeit hätten schwören müssen.
Trennbankensystem ist gescheitert
In Sachen Bankenaufsicht verließen sich die USA nach 1929 jedenfalls viel zu stark auf das Trennbankensystem. Das war ebenfalls mit dem New Deal eingeführt worden und trennte die US-Bankenlandschaft fortan in Geschäftsbanken und Investmentbanken. Damit sollte
sichergestellt werden, dass ein Börsencrash nicht wieder die gesamte Wirtschaft mit nach unten reißt. 1987 schien das auch gut zu funktionieren. Doch 2008 war dann ausgerechnet der Zusammenbruch einer Investmentbank dafür verantwortlich, dass die Finanzkrise zur weltweiten Wirtschaftskrise wurde. Zudem hat sich das eigenständige Investmentbanking an der Wallstreet schlichtweg als nicht überlebensfähig erwiesen: Alle großen Namen wie Merrill Lynch oder Goldman Sachs sind inzwischen entweder von einer Geschäftsbank geschluckt worden oder mussten selbst eine Vollbanklizenz beantragen, um Notenbankkredite zu bekommen. Nicht alle Lehren, die man aus dem Börsencrash von 1929 ziehen konnte, haben sich in der Finanzkrise 2008 also bewährt.
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