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Schwarzbuch Börse > Ausgabe • 2010 > Hintergrund Gefallene Stars
Im vergangenen Jahr hat der Kapitalmarkt eine bemerkenswerte Reihe von persönlichen Abstürzen erlebt. In diesem Ausmaß hatte man nicht erwartet, dass völlig saturierte und gefeierte Spitzenkräfte die Bereitschaft zeigen würden, extrem hohe Risiken einzugehen, die alles in Frage stellen, was sie bisher erreicht haben. Ist Voraussetzung für einen großen wirtschaftlichen Erfolg eine gewisse Neigung zum Hasardeur, ein gewisser bejahender Kitzel beim Gedanken an ein mögliches völliges Scheitern, auch wenn der äußere Habitus noch so gesetzt und gesittet daherkommen mag? Reicht es nicht, unfassbar erfolgreich zu sein, braucht man zusätzlich noch den ganz großen Erfolg? Thronen die griechischen Götter noch und lassen sie wie einst bei Achill auf Hybris und Verblendung unbarmherzig Vergeltung und Vernichtung folgen? Das sind Fragen, denen man anhand einiger der im Jahr 2009 gefallenen Stars gut nachgehen kann.
Vom Jäger zum Gejagten
Die wohl tragischste Verstrickung musste Maria-Elisabeth Schaeffler erdulden. Die ersten zwölf Jahre ihrer Unternehmensführung verliefen bestens. 1996 hatte sie nach dem Tod ihres Mannes und 33 Jahren Ehe auf dessen Wunsch die Geschäfte übernommen. Bei der Firma Schaeffler handelte es sich um ein mittelständisches Unternehmen , das vor allem für seine Kugellager bekannt ist. Die Marktposition war bestens, die Profite sprudelten, es gab fast keine Schulden. Schaeffler ist zu diesem Zeitpunkt auf Rang 15 der reichsten Menschen in Deutschland.
Dann landet sie den Coup des Jahres 2008: Sie betreibt die Übernahme der Continental AG. Das Konzept sieht die Zusammenführung von Schaefflers Stärke bei mechanischen Autozulieferteilen mit der von Conti bei elektronischen Teilen, die durch Siemens VDO gerade erst noch gewachsen ist, vor. Conti ist allerdings dreimal so groß wie Schaeffler, der weltweit drittgrößte Autozulieferer und ein Dax-Unternehmen. Das geht nicht ohne die Aufnahme von Schulden.
Und dann kommt auch noch richtiges Pech dazu. Ursprünglich war man davon ausgegangen, für das Angebot von zuletzt 75 Euro je Aktie 60% der Continental-Aktien einsammeln zu können. Doch da nach Herausgabe des Angebotes die Finanzmarktkrise einsetzt – o ihr Götter, welch ungünstiger Zeitpunkt! – und der Conti-Kurs nach unten rauscht, erhalten die 75 Euro auf einmal eine ganz neue Wertigkeit; am Ende machen nicht 60%, sondern 90% von der nunmehr höchst lukrativen Offerte Gebrauch. Und der Kurs von Conti fällt weiter.
Schaeffler muss erkennen, dass man selbst schlechter wirtschaften kann, als man es anderen jemals zugetraut hätte. Ihr Unternehmen hat inzwischen 11 Mrd. Schulden. Auch ein Komplettverkauf wäre wohl keine Rettung mehr gewesen; gut, dass die Gläubigerbanken – selbst von der Finanzkrise betroffen – eine Abschreibung vermeiden wollen. Schaeffler bleibt am Ruder, muss aber auch selbst rudern. Sie geht – und das auch noch erfolglos – bei der Politik betteln, aber die Kanzlerin will einen Präzedenzfall schaffen. Mit dem Vorgang zieht sie Hohn und Spott auf sich. Schaeffler hat inzwischen über 90% ihres Vermögens verloren und rangiert „nur“ noch auf Rang 260 der reichsten Deutschen.
Sie will retten, was zu retten ist – mit durchaus unangenehmen Auswirkungen auf die von ihr beherrschte Continental AG. Diese benötigt unter dem Druck einer Schuldenlast von 10 Mrd. Euro, der durch den Kauf von Siemens VDO entstanden war, dringend eine Kapitalerhöhung. Diese wird aber von Schaeffler und den von ihr in den Aufsichtsrat entsandten Getreuen konsequent blockiert: Man will sich den 90%igen Anteil nicht bei ungünstiger Marktlage verwässern lassen und zu einem Mitziehen bei der Kapitalerhöhung fehlt natürlich jeder Groschen. Das Tauziehen dauert Monate und fordert Köpfe, vor allem den des Vorstandsvorsitzenden Karl-Thomas Neumann, der im August gehen muss. Der Schaeffler-Vertraute Koerfer muss den Aufsichtsratsvorsitz räumen und wird durch Wolfgang Reitzle ersetzt. Koerfer bleibt jedoch einfaches Mitglied des Aufsichtsrates.
Die Kapitalerhöhung verwässert den Schaeffler-Anteil auf 75%, bringt aber wenigstens mit 1,1 Mrd. Euro Bruttoerlös etwas Luft. Vielleicht kommt Schaeffler durch, aber ärmer ist sie auf jeden Fall. Übrigens ist sie indirekt in Sachen Koerfer juristisch mit der SdK im Clinch. In einer Investorenvereinbarung hatte Schaeffler zugestimmt, sich für einen Zeitraum von vier Jahren an bestimmte Kautelen zu halten, unter anderem, nur vier Personen aus ihrem Lager in den Aufsichtsrat zu wählen. Zählschwäche hin oder her, mit Koerfer sind es aber fünf. Dieser ist zwar nicht nach dem vermutlichen formalen Wortlaut der Investorenvereinbarung, wohl aber nach deren Geist als ihr jahrzehntelanger juristischer Berater, der alle Übernahmen der Vergangenheit für sie organisiert hat, fast mehr im Schaeffler-Lager als sie selbst. Aber zugegeben: Das ist vermutlich im Moment nicht Schaefflers größtes Problem.
Wer solche Freunde hat...
Nicht ganz so tragödiengleich, aber nicht weniger bitter traf die Krise auch Madeleine Schickedanz. Das Ende von Arcandor bedeutete auch das Ende ihrer Milliarden. Die Insolvenzmasse war nicht eben üppig, auch weil Thomas Middelhoff vor seinem Abgang bei den Immobilien eine wohl sehr unglückliche Hand bewiesen hatte (siehe Seite 28).
Schweres Erbe
Schon Anfang Januar des letzten Jahres nahm sich der schwäbische Unternehmer Adolf Merckle das Leben. Der 74jährige hatte sein Unternehmen an den Rand des Zusammenbruchs geführt. Unter anderem durch Fehlspekulationen im Zusammenhang mit der exorbitanten Kursentwicklung der VW-Aktien im Jahr 2008 hatte er über 1 Mrd. Euro verzockt. Merckle war noch vor kurzem als fünftreichster Mann Deutschlands mit einem geschätzten Vermögen von 7 Mrd. Euro geführt worden. Zu seinem Imperium gehörten so klingende Namen wie ratiopharm und HeidelbergCement. Jetzt führte sein Fehler dazu, dass er bei den Banken zum ersten Mal in seinem Leben als Bittsteller aufzutreten hatte. Kontrollverlust und Zerschlagung drohten ihm. Offenkundig hat er die Verhandlungen mit den Banken noch zu Ende geführt, bevor er sich vor einen Zug warf: Zwei Tage nach seinem Tod wurde unter anderem bekannt, dass ratiopharm verkauft werden musste. Sein Imperium geht tatsächlich der Zerschlagung entgegen. Merckle war – wie der Verfasser am Rande einer Hauptversammlung selbst erfahren hat – ein bescheiden auftretender, äußerst zurückhaltender Mann, bei dem man ein solches Schicksal nie für möglich gehalten hätte.
Schuster, bleib bei deinen Leisten
Großmeister des Misslingens waren im vergangenen Jahr natürlich Wendelin Wiedeking und sein Finanzchef Holger Härter, diesen ist jedoch ein eigener Artikel gewidmet. Hier nur dies: Ausgerechnet auf die uneigennützige Hilfe von Ferdinand Piëch angewiesen zu sein, um eine Schieflage zu vermeiden, das ist schon ganz besonders hart. Aber wie hatte Wiedeking einmal so treffend gesagt: „Fusionen sind dazu da, um Probleme abzubauen, die man ohne sie nicht hätte.“
Könnten diese tragischen Figuren eigentlich wichtige Lehren aus der griechischen Tragödie ziehen? Wie Hölderlin formuliert, spricht sich ja dort „in der Trauer das Freudigste aus.“ Die Erkenntnis, die er meint, ist, dass man auch bei großem Unglück immer noch die Wahlfreiheit behält, sein Schicksal in Würde anzunehmen. Hm …
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